Wenn Burschis die Fotostrecke des Universitätsballes „zieren“…

Burschis „Willkommen zum Universitätsball – Das Beste aus 20 Jahren“ – damit warb die Universität Erfurt für ihre Großveranstaltung im Kaisersaal am 09. Oktober 2014. Gefeiert werden sollte das 20 jährige Bestehen der Hochschule. Dagegen ist ja zunächst einmal wenig einzuwenden. Dass aber scheinbar auch zum „Besten aus 20 Jahren“ die Teilnahme von Mitgliedern einer Studentenverbindung gehört, verwundert uns doch schon. Zwei Mitglieder des Erfurter Wingolf Erfordia Georgia, einer sich selbst als christlich bezeichnenden Verbindung, ließen sich coleurtragend ablichten und die Pressestelle packte das Bild scheinbar ohne Beanstandung ins Netz.

Hier sagen wir dann mal Stop. Zu dem Besten aus 20 Jahren sollten solche Verbindungen sicher nicht gehören. Denn gerade die Wingolf Erfordia Georgia lässt sich als traditionelle Verbindung bezeichnen. Sie gibt sich zwar gern weltoffen und tolerant; diese Toleranz hört allerdings dann auf, wenn beispielsweise Frauen*, so zeigt es der verbindungseigene Flyer, zum „Fuxen- und Semesterabschlusskneipen“ kommen wollen. Dabei sind sie explizit unerwünscht.

Zudem heißt es im Selbstverständnis der Verbindung: „Wir vertreten die Meinung, dass ohne eine fundierte christliche Ausbildung und Lebensgestaltung, ein aktives Leben im Wingolf nicht möglich ist“. Nun lässt sich daraus sehr einfach schließen, dass Menschen, die dem christlichen Glauben nicht angehören, sicherlich nicht gerade eine Chance hätten, Teil der „Gemeinschaft“ zu werden. Sie sind also ebenso ausgeschlossen, auch wenn man sich betont offen gibt und sagt, man wolle keine konfessionellen und nationalen Grenzen aufbauen bei der Mitgliedschaft in der Verbindung. Ein Widerspruch in sich, welchen die Verbindung selbst nicht wirklich auflöst und sich auf Basis des Selbstverständnisses auch noch die Möglichkeit beibehält, sich unerwünschter Personen, die nicht den eigenen Idealen entsprechen, entledigen zu können.

Ebenso geben die Verbinder an, ihrem Anspruch der Unterstützung der „Demokratisierungsprozesse“ in ihrer „Pflicht als deutsche Staatsbürger“ nachzukommen. Somit steht gleich der nächste Widerspruch im Selbstverständnis im Raum, gibt man sich doch eigentlich offen gegenüber der Aufhebung nationaler Grenzen bei der Mitgliedschaft.

Gerne berufen sich der Wingolfbund und dessen Erfurter Ableger auf ihre 160-jährige Tradition. Das hat letztlich zur Folge, dass auch die in Watte gepackten Äußerungen zu den eigenen Prinzipien letztlich auf einem grundkonservativen Weltbild beruhen. So spielt im Grundverständnis der Verbindung auch die Frage nach der Staatsbürger*innenschaft und die Zugehörigkeit als Deutscher eine wichtige Rolle, und das sowohl im historischen Kontext der Verbindungsgeschichte als auch in der Gegenwart. Auch herrscht Androzentrismus, wenn Frauen* als „Damen“ nur eine untergeordnete Rolle spielen und allenfalls nützliches Anhängsel bei Verbindungspartys sind, wie es der Würzburger Wingolfbund benennt: „Zu unseren Veranstaltungen (Partys, Bälle, Themenabende, kulturelle Veranstaltungen etc.) heißen wir die Damenwelt jedoch stets willkommen – denn wer könnte sich dieser Bereicherung erwehren?“ Eine Distanzierung von radikal rechten Strukturen und rechten Kadermitgliedern der NPD und anderen Gruppen, wie sie in den vergangen Jahre häufig in anderen Verbindungen erfolgte, reicht nicht aus, um die eigene Darstellung weich und „rein“ zu spülen. In der Konsequenz bleibt die Erfurter Wingolfverbindung eine Studentenverbindung im klassischen Sinne – mit einem elitären, konservativen und national-historisch aufgeladenen Weltbild.

Auf der Bundesseite des Wingolfbundes kann man zudem nachlesen, wie stolz der Verband ist, dass Mitglieder ihres Verbandes am 1. Weltkrieg teilnahmen – ein weiterer Ausdruck des völkischen Verständnisses des Wingolfbundes. In der Nachbetrachtung zur Weimarer Republik ist der Verband stolz, dass 2/3 der damaligen Mitgliedsverbindungen einen „vaterländischen Gedanken“ in ihrer Satzung verankert hatten.

Dass all das von der Pressestelle ungefragt hingenommen wird, ist umso beachtlicher vor dem Hintergrund, dass der Senat der Hochschule erst im März diesen Jahres eine Positionierung in der Grundordnung der Universität beschlossen hat, die eigentlich auch eine kritische Betrachtung der Verbindung mit sich bringt. Die sogenannte Antidiskriminierungsklausel besagt:

Die Universität Erfurt,
(1)…
(2) wirkt an der Erhaltung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates mit und trägt zur Verwirklichung der verfassungsrechtlichen Werteentscheidung, insbesondere des Friedens, des Schutzes der natürlichen Lebensgrundlagen sowie einer diskriminierungsfreien und nachhaltigen Entwicklung im Hochschulbereich bei,
(3) fördert die Vielfalt ihrer Mitglieder und Angehörigen und tritt Benachteiligungen aus rassistischen und ethnisierenden Gründen, wegen des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung oder Erkrankung, des Alters, der sexuellen Identität, der sexuellen Orientierung oder aus anderen Gründen, die den genannten gleichstehen, entgegen,
(4)…

Zwar ist diese Änderung noch nicht durch den Hochschulrat und das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur bestätigt und somit noch nicht rechtskräftig, dennoch sollten sich die Verantwortlichen und auch der entsprechende Senatsausschuss gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit klar werden, dass bei einer konsequenten Auslegung dieser Klausel zur Gleichberechtigung aller Mitglieder der Hochschule und der Vorbeugung von Diskriminierung aufgrund der genannten Merkmale hier ein Umdenken stattfinden muss. Die Hochschule muss sich darüber klar werden, wie sie mit diesen Verbindungen umgehen will.

Wir fordern eine konsequente Auseinandersetzung mit Studentenverbindungen auch an der Universität Erfurt. Nationalismus, Sexismus und die Verherrlichung der deutschen Geschichte im Sinne der hier dargestellten Glorifizierung des Nationalismus im Kaiserreich und der Weimarer Republik können nicht einfach hingenommen werden.

Wir sind der Meinung: Liberal, National, Scheißegal – Verbindungen sind aufzulösen!


2 Antworten auf „Wenn Burschis die Fotostrecke des Universitätsballes „zieren“…“


  1. 1 Burschi 30. November 2014 um 19:12 Uhr

    Kommt da ein wenig Neid auf?

    Waschen, rasieren, zum Frisör, dann den Anzug anziehen & mitfeiern ;-)

  2. 2 Emmanuel Steiner 02. Dezember 2014 um 3:34 Uhr

    Ich finde es sehr gut, dass ihr die Antidiskriminierungsklausel gepostet habt. Wenn ihr sie richtig gelesen habt, verstoßt ihr gerade gegen die Antidiskriminierungsklausel, indem ihr:

    (I) Verbindungsmitglieder verleumdet („diskriminierungsfreie Entwicklung im Hochschulbereich“)
    (II) Benachteiligungen gegenüber Menschen mit anderer Weltanschauung (konservative Weltanschauung) erreichen wollt
    (III) den Frieden durch unsittliche Provokation gefährdet
    (IV) den Erhalt des demokratischen Rechtsstaates erschwert, indem ihr Menschen mit konservativen Gedankengut ihre Vorstellungen verbieten wollt

    1.) der Typ rechts ist keine Bursche, sieht man am Band (zumindest wenn man von Bildung nicht nur sprechen kann, sondern sie auch besitzt) ;)
    2.) sind sowohl bei der Unitas wie auch bei den Wingolfern öfters Frauen zu Besuch, welche auch herzlichst empfangen und bewirtet werden und sich bis jetzt in keinerlei Weise missachtet gefühlt haben… dementsprechend ist der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit eine klare Verleumdung (§ 187)
    3.) sind trotz dem christlichen Leitprinzip nicht alle Christen… unter den Neulingen ist momentan kein einziger getauft, was die religiöse Toleranz der Erfurter Wingolfer eindeutig beweist
    4.) des Weiteren freut sich die Verbindung über den Beitritt von Menschen mit Migrationshintergrund oder anderer sexueller Orientierung genauso wie über den Durchschnittsstudent ;)
    4.) sind unter den Mitgliedern so gut wie alle politischen Richtungen vertreten, sodass von politischer Einigkeit nicht im Geringsten die Rede sein kann… dementsprechend ist die Verbindung als Ganzes politisch in keine Schublade zu stecken (von einem auf alle zu schließen = logischer Fehlschluss = nicht wissenschaftlich)
    5.) schätzen die Mitglieder die demokratischen Werte und Rechte, welche sie per öffentliche Ämter, ehrenamtliche Tätigkeit etc. pflegen, 10.000 Mal mehr als einige von euch, die in ihrer Freizeit nichts anderes zu tun haben, als fremde Menschen aufgrund von Vorurteilen öffentlich zu verleumden!!!

    PS: da alle Menschen gleich viel wert sind, wäre es schön, wenn ihr auch alle Menschen gleichwertig behandelt und die Rechte und Würde aller Menschen schützt!!!

    mit freundlichen Grüßen,
    von einem eurer Wähler

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